Es ist mein Geburtstag. Ich sitze mit einer Tasse Kaffee mit Soja-Schokomilch auf der Terrasse, lausche dem Gezwitscher der Vögel und schaue auf das glitzernde Meer. Ich freue mich hier zu sein. Ich freue mich, den Tag so beginnen zu dürfen. Ich freue mich aber irgendwie nicht darüber, dass ich Geburtstag habe. Wenn man mir letztes Jahr noch gesagt hätte, dass irgendwann das Jahr kommt, an dem der Geburtstag nichts Besonderes mehr ist, hätte ich das kopfschüttelnd verneint. Doch irgendwie ist dieses Jahr alles etwas anderes.

Ich dachte immer, dass mir das Älter werden nichts ausmacht. Tut es auch eigentlich nicht. Ich kann mich gut mit den paar Lachfalten um die Augen arrangieren und das mein Bindegewebe seine Jugend hinter sich hat, ist auch okay. Was mir aber irgendwie zu schaffen macht – die Zeit. Ich fühle mich gefangen im Geist einer 26-jährigen, doch eigentlich steht da 32 auf meinem Ausweis. Ein Kopf im falschem Jahrgang sozusagen.

Klar, jetzt werden alle, die über 40 sind und diesen Text lesen, wahrscheinlich lachen und denken, dass ich ja in der Blüte meines Lebens stehe, dass mit 32 alles noch möglich ist und meine Sorgen und Gedanken alle hinfällig sind. Sind sie sicher auch, denn man ist so alt, wie man sich fühlt. Trotzdem wollte ich euch einfach einmal mitteilen, dass ich darüber nachdenke. Dass ich Angst habe, nicht mehr genug Zeit zu haben, für all die Dinge, die ich noch machen will. Dass die Zeit so schnell rennt und mich das tierisch nervt.

Ich habe die letzten Jahre wieder viel gelernt. Aber trotzdem bin ich noch lange nicht allwissend und es gibt noch genügend Situationen, über die ich noch lange genug nachdenken muss, um einen Umgang damit zu finden. Eine davon ist eben die Zeit und das Älter werden und damit automatisch verbunden, dass weniger Zeit haben. Das einzige, was ich gerade machen kann: jeden Moment extrem genießen und leben. Das tue ich auch.

Wie ihr sicher alle schon wisst, verbringe ich diesen Sommer am Meer. Warum? Weil es schon immer ein Traum von mir war – und Träume sollte man nicht zu lange verschieben, sonst wird aus dem Irgendwann ein Nie. Das ist eine der 7 Dinge, die ich in den letzten zwei Jahren gelernt habe. Vor zwei Jahren haben ich genau zur gleichen Zeit, anlässlich meines Geburtstags, diesen Artikel geschrieben: 7 Lebensweisheiten, die ich mit 30 Jahren gelernt habe. Heute kommen meine 7 Lebensweisheiten, die ich mit 32 gelernt habe!

Christine Neder Lebensweisheiten

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 1. Jetzt oder nie

Das Leben ist verdammt kurz und kann schnell zu Ende gehen. Das erste Mal so richtig aus dem Dornröschenschlaf aufgewacht bin ich, als es meiner Mama vor ein paar Jahren nicht gut ging. Da wurde mir zum ersten Mal die Endlichkeit eines jeden Lebens bewusst. Man schiebt das ja gerne vor sich her. Doch ab und zu bekommt man eine heftige Ohrfeige vom Leben. Noch viel schlimmer war jedoch der Moment, als ein Mensch aus meinem Leben verschwunden ist, der mein Alter hatte. Der noch so viel vor sich hatte. Dessen ganzen Träume noch so ungelebt waren, weil immer so viel dazwischen kam. Man kann einen toten Mensch nicht mehr zurückholen. Man kann nur daraus lernen, dass, wenn man Träume nicht gleich umsetzt, aus dem Irgendwann ganz schnell ein Nie werden kann.

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 2. Weniger ist mehr

Eigentlich bin ich sehr resistent, was Trends aller Art betrifft. Doch als vor ein paar Jahren immer mehr von Minimalismus geredet wurde, hat mich das Thema auch erwischt. Es ist eigentlich ein Verhalten von mir, dass ich in den letzten zehn Jahren schon immer öfters angewendet habe und mir richtig gut getan hat, aber es gab noch keinen Begriff dafür. Minimalismus – weniger kaufen, weniger besitzen, sich weniger Gedanken machen und dadurch mehr Zufriedenheit haben.

Ich merke es hier in Portugal wieder ganz deutlich, wie allein der Besitz von weniger Klamotten mich glücklicher macht. Mit nur einem Koffer bin ich hier angekommen. Ich stehe nicht, wie in Berlin jeden Tag, vor einem vollen Kleiderschrank und habe keine Ahnung, was ich anziehen soll. Die Kleider, die auf meiner Stange hängen, ziehe ich alle an und es reicht. Ich könnte sogar noch ein Viertel davon wegpacken, es wäre immer noch genug.

Das Schöne ist, dass Minimalismus auch auf so viele andere Lebensbereiche anzuwenden ist. Beispielsweise auf Freunde. Da habe ich schon vor zwei Jahren überlegt, wer mir wirklich gut tut und von wem ich mich lieber trennen sollte. Auch ein Thema, bei dem ich noch viel mehr lernen will, aber auf einem guten Weg bin – weniger Müll produzieren – Zero Waste. Kurz gesagt: Seife statt Duschgel in der Plastikflasche.

Christine Neder Portugal

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 3. Ehrlich sein

Das ist ein Punkt, der glaube ich immer schwerer wird in der Welt von Social Media. Ehrlich sein – zu sich und zu anderen. Eigentlich hätte ich diesen Artikel ganz anders starten sollen. Ein Foto von mir, wie ich auf einem aufblasbaren Einhorn im Pool schwimme und eine Flasche Champagner schüttle. Darunter die Zeilen: „Der schönste Tag meines Lebens“ Yeah! #yolo #champagnerfüralle #birthday.

Ich mag keinen Champagner, davon muss ich nach zwei Gläsern kotzen. Aufblasbare Einhörner sind zwar nett anzusehen, aber auch Plastik, das keiner braucht, außer um damit Instagramfotos zu machen. Passt also weder zu Minimalismus noch zu Zero Waste. Ich bin heute sehr glücklich, versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin dankbar, den Sommer hier verbringen zu dürfen und könnte mir gerade kein schöneres Leben vorstellen. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, die mich zum Zweifeln bringen, mit denen ich nur schwer zurechtkomme, die ich gerne mit euch teile, weil ich doch insgeheim hoffe, dass ich irgendeinen Kommentar bekomme, der mir helfen kann. Es ist schon so oft passiert, dass ich Kommentare von Lesern bekommen habe, die mir eine ganz andere Sicht auf Dinge ermöglicht haben. Das möchte ich immer wieder zeigen. Das Leben ist nie perfekt. Es gibt immer Dinge, die einen stören oder belasten. Es ist jedoch immer die eigene Einstellung, wie sehr man solche Sachen an sich heranlässt. Nichts sollte unausgesprochen sein, doch es ist auch immer meine Entscheidung, wie sehr ich Probleme thematisiere.

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 4. Ich kann andere nicht ändern

In mir schlummert eine Weltverbesserin. Ich habe jahrelang immer wieder versucht, das Leben anderer aktiv zu verbessern – mit Ratschlägen und Tipps. Dabei bin ich ziemlich schnell an meine Frustrationsgrenze gestoßen. Du kannst jemanden viermal sagen, er muss aufhören so und so zu denken, dann wird er viel glücklicher. Wenn er es nicht von sich aus macht, kann ich mir den Mund fusselig reden.

Natürlich versuche ich immer noch gerne zu helfen, aber ich habe auch eingesehen, dass ich niemanden ändern kann. In manchen Situationen musste ich auch schon feststellen, dass mir die Person einfach nicht mehr gut tut. Was macht man in diesem Fall? Abwägen, ob man mit den negativen Eigenschaften zurecht kommt, und wenn nicht, dann muss man so konsequent sein und sich von der Person trennen, so schwer es auch fällt. Was ich jedoch wirklich aufgegeben habe: den Glauben, dass man einen Menschen ändern kann.

Christine Neder Coaching

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 5. Surfen

Für viele ist es ja schon ein Schritt raus aus der Komfortzone, wenn sie eine Reise unternehmen. Fast ein Ding der Unmöglichkeit ist es dann, allein eine Reise zu unternehmen. Für mich ist das normal. Die Komfortzone ist also für jeden ein ganz anderer Radius um ein spezielles Gebiet. Was dem einen einen kalten Angstschauer über den Rücken laufen lässt, ist für jemand anderes normal.

Ich habe die Grenze meiner Komfortzone gefunden – das Surfen. Ich habe Angst vor tiefem Wasser, schnellen Sportarten, Verletzungen jeder Art und zu viel Adrenalin. Dass ich jeden Tag mein Board packe und aufs offene Meer rauspaddle ist für mich der pure Wahnsinn. Vor allem, wenn mir manchmal die Kraft der Wellen so richtig bewusst wird und mein Herz in die Neoprenhose rutscht. Doch trotzdem tue ich es jeden Tag wieder. Einerseits, um es mir selbst zu beweisen, um meinem inneren Angsthasen den Stinkefinger zu zeigen. Andererseits, weil ich mir keinen Sport vorstellen kann, bei dem man mehr über sich selbst lernt.

Ich könnte hier hundert Beispiele nennen, wie mir Verhaltensweisen, die ich im täglichen Leben anwende, im Wasser zum Verhängnis geworden sind. Beispielsweise mein Perfektionismus. Immer will ich mehr und mehr. Jede Welle muss klappen und je mehr ich das will, desto weniger klappt es natürlich. Ich liebe das Surfen und ich werde es so schnell nicht aufgeben.

Coaching in Portugal Christine Neder

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 6. Routine kills your life

Mit dem Surfen ist auch ein ganz toller und sehr, sehr weiser Mensch in mein Leben getreten. Eigentlich zwei. Nelson und Hugo – meine zwei Surflehrer. Obwohl ich sagen muss, dass Hugo noch ein bisschen krassere Lebensweisheiten raushaut. Meistens dann, wenn man es so gar nicht erwartet.

Ich habe ihn neulich auf dem Markt fast gar nicht erkannt, weil er sich die Haare geschnitten hatte. Bei der nächsten Surfstunde wollte ich mich dafür entschuldigen. Darauf folgte ein Monolog, dem ich gebannt lauschte. Er arbeitete wohl vor längerer Zeit als Sales-Manager. Anzug, Krawatte und schicke Schuhe waren seine Alltagskleidung. Dann kündigte er seinen Job, wurde Surflehrer, ließ sich einen Bart wachsen und trug nur noch Shorts. Seine alten Kollegen erkannten ihn kaum, als er sie einst in der Mittagspause besuchte.

„Christine, routine kills your life“. Bäm! Das saß. Das war die Antwort auf mein Problem. Ich habe in letzter Zeit nicht mehr so viel Spaß beim Reisen gespürt. Mir wurde alles schnell zu viel, meine Begeisterung war zwar noch da, aber nicht mehr so stark, wie noch vor drei Jahren. Ich wunderte mich oft, was denn falsch mit mir ist. Ich habe das Privileg, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen und hüpfe nicht 24/7 himmelhoch jauchzend durch die Gegend.

Ich habe das Reisen zur Routine gemacht und dadurch ein Stück der Magie gekillt. Ich habe gespürt, dass ich mal länger eine Pause brauche, dass ich mal länger an einem Ort sein möchte, dass ich mal länger nicht reisen sollte. Doch warum, das hat Hugo mit diesem Satz auf den Punkt gebracht. Manche drehen vielleicht durch, wenn sie nicht ihren gewohnte Alltag mit der Routine haben, für mich ist es jedoch nichts. Ich hoffe, dass ich nach dieser Auszeit wieder die Magie spüre.

Christine Neder Portugal

Meine Lebensweisheiten mit 32 Jahren: 7. Stillstand tut gut

Ich verfolge ja das Motto „Man muss nur in Bewegung bleiben, dann wird sich etwas tun“. Doch eigentlich weiß ja jeder Sportler, dass der Körper nach einer Anstrengung unbedingt eine Ruhepause braucht. Diese Ruhepause, diesen Stillstand, nicht das ständige Optimieren und Verbessern, sondern einfach mal das Sein und Genießen, habe ich total vernachlässigt und dann irgendwann verlernt. Gerade ist es mucksmäuschen still. Ich höre nichts, außer das Zwitschern der Vögeln und manchmal, wenn der Wind richtig steht, dann höre ich das Rauschen der Wellen. Es ist wunderbar und ich genieße es in vollen Zügen.

Herz in Portugal

Das Älterwerden kann man nicht aufhalten und auch nicht verhindern. Man kann nur das Beste daraus machen und das ist für mich immer wieder zurückschauen, reflektieren, nachdenken und einen neuen Kurs einschlagen. Wenn mich jemand fragt, was ich mir heute zum Geburtstag wünsche, dann ist es nichts Materielles. Ich wünsche mir, dass alles so bleibt. Das alle gesund bleiben und das Glück sehen.

In dem Sinne, genießt den Tag!

Eure Christine

Lebensweisheiten Christine Neder

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